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Umbau und Sanierung eines Kulturdenkmals in Wiesbaden

In einem dörflichen Kontext unweit von Wiesbaden steht ein herausragendes Zeugnis regionaler Baugeschichte: Ein Fachwerkhaus aus dem Jahr 1569, das als das älteste erhaltene seiner Art in der Umgebung gilt. Die umfassende Kernsanierung dieses Kulturdenkmals war weit mehr als eine bautechnische Instandsetzung. Es war ein architektonischer Diskurs über Beständigkeit, Materialität und die Frage, wie ein fast 500 Jahre altes Raumgefüge in die Gegenwart übersetzt werden kann, ohne seine Seele zu verlieren. Das Ergebnis ist ein Haus, das durch radikale Kreislaufwirtschaft (Cradle-to-Cradle) und präzise, zeitgenössische Eingriffe eine völlig neue atmosphärische Dichte entwickelt.
Der Baustoff als Archiv: Gelebtes Cradle-to-Cradle-Prinzip
Die Sanierung verstand das Gebäude nicht als bloße Hülle, sondern als wertvolles Materialdepot. Die oberste Prämisse lautete, die rohe, ehrliche Materialität des Bestands zu zelebrieren und die Werkstoffe in ihrem natürlichen Kreislauf zu halten.
Dieser tiefe Respekt vor der Substanz zeigt sich auf eindrucksvolle Weise im Umgang mit den historischen Ausfachungen. Der jahrhundertealte Lehm wurde nicht als Bauschutt deklariert und entsorgt, sondern in aufwendiger Handarbeit aus den Gefachen gelöst, zerkleinert, neu aufbereitet und wieder eingesumpft. Dieser recycelte Lehm bildet heute sowohl den neuen Innen- als auch den Außenputz des Hauses. Er schützt das alte Holzgeflecht bauphysikalisch ideal, garantiert eine absolute Diffusionsoffenheit und erzeugt ein Raumklima von außergewöhnlicher Qualität. Die haptische, leicht unregelmäßige Oberfläche des handgezogenen Lehmputzes lässt das Alter des Hauses fühlbar werden und bildet einen warmen Kontrast zu den klaren Linien der neuen Einbauten.
Holz als stummer Zeuge der Jahrhunderte
Das über 450 Jahre alte Fachwerkgerüst bildet das konstruktive und emotionale Rückgrat des Entwurfs. Anstatt die Spuren der Zeit zu kaschieren, wurde das Holz freigelegt und zimmermannsmäßig aufgearbeitet. Fehlstellen oder beschädigte Partien wurden durch historisches Altholz ergänzt, sodass die Patina und die traditionellen Fügungen der Holzverbindungen als sichtbare Zeugen der Handwerkskunst des 16. Jahrhunderts ablesbar bleiben. Jede Kerbe und jeder Riss im Holz erzählt die Geschichte des Hauses weiter.
Der Wintergarten: Atmosphärische Fuge aus historischen Fragmenten
Ein architektonisches Meisterstück des Upcyclings ist der neu errichtete Wintergarten. Er legt sich wie eine schmale, feingliedrige Schicht an das massive, historische Gebäude und fungiert als räumliche und atmosphärische Nahtstelle. Trotz seiner geringen Tiefe spannt er ein komplexes, lichtdurchflutetes Volumen auf, das die Blick- und Wegebeziehungen zwischen der Küche und dem Wohnzimmer völlig neu definiert.
Konstruktiv ist dieser Raum eine Hommage an die Wiederverwendung: Für das tragende Skelett dieses Anbaus wurden die mächtigen Dachbalken einer abgebrochenen alten Milchküche auf dem Grundstück geborgen. Diese Hölzer, die hier bereits ihren zweiten oder gar dritten Lebenszyklus antreten, wurden in traditioneller Bauweise zu einem neuen Fachwerk gebunden und mit neuen Füllmaterialien bestückt.
Auch der Boden des Wintergartens zitiert die Vergangenheit des Haupthauses: Hier wurden historische Fliesen im Verband neu verlegt, die ursprünglich im Dachgeschoss des Fachwerkhauses geborgen wurden. Die stark verglaste, transparente Atmosphäre des Wintergartens steht in einem bewussten, spannungsvollen Kontrast zur geborgenen Kleinteiligkeit des historischen Haupthauses – ein Raum, der zwischen Innen und Außen, zwischen 16. und 21. Jahrhundert vermittelt.
Architektonische Zäsur: Der „White Cube“ im Dachgeschoss
Im Dachgeschoss – dessen alte Fliesen nun den Wintergarten erden – manifestiert sich der Dialog zwischen Alt und Neu am radikalsten. Die mächtige historische Balkenstruktur des Dachtragwerks wurde vollständig freigelegt, gereinigt und sichtbar belassen. Dieser raue, offene Dachstuhl bildet den geschichtsträchtigen Rahmen für ein kompromisslos modernes Raum-im-Raum-Konzept.
In das Zentrum dieses hölzernen Tragwerks wurde ein puristischer „White Cube“ implantiert. Mit seinen glatten, makellos weißen Oberflächen löst er sich optisch vom Bestand und lässt das alte Holz noch plastischer hervortreten. Das Innere dieses Kubus birgt jedoch eine überraschende, fast sinnliche Farberfahrung: Ein intensiv blau gestaltetes Badezimmer verbirgt sich in seinem Kern. Als farbiger Monolith erzeugt es einen maximalen Kontrast zur hellen Hülle und der jahrhundertealten Holzstruktur.
Alle weiteren Räume des Hauses wurden mit höchstem Anspruch an handwerkliche Qualität und bauphysikalische Präzision denkmalgerecht saniert. Das Resultat ist ein Wohnhaus, das Denkmalpflege nicht als Konservierung von Stillstand begreift, sondern als lebendigen Prozess, in dem historische Materialien durch smarte, nachhaltige Architektur in die Zukunft geführt werden.

Leistungsphase 1-9

2026

Umbau

privat und gefördert durch das Landesdenkmalamt Hessen